Eine Schule, die reift wie eine gute Flasche Wein

Kapitel 1: Der erste Jahrgang wird geöffnet

Schon lange hat Urs Bamert einen Schlüssel in der Tasche und endlich ist der Tag gekommen, an dem er erstmals richtig gebraucht wird. Nach langen Monaten des Papierkrams, der Telefonate und der Vorbereitung kommt endlich zum ersten Mal Leben in das ehemalige Bürogebäude.

Schon an der Eröffnungsfeier ist die Stimmung besonders. Urs Bamert vergleicht es mit dem Lesen eines Jahrgangs auf einer Weinflasche: Ein erfahrener Kenner braucht keinen Schluck, denn die Jahreszahl allein verrät den Charakter. So auch hier. Ein kurzer Blick in die Klassen genügt: die ruhige und aufmerksame A, die wilde und laute B, die lässige und unbekümmerte C. Neben ihnen gehören auch die neu eingetretenen Drittklässlerinnen und Drittklässler zu den Ersten, die das noch junge Schulhaus mit Leben füllen.

Trotz dieses ersten Eindrucks ist aber noch offen, wohin diese Reise führt. Die Schule steht am Anfang, Tag eins der offiziellen Geschichte der KZI, ohne festgelegte Wege und voller Möglichkeiten. Sowohl für die Schülerinnen und Schüler als auch für alle Lehrerinnen, Lehrer und Angestellten bedeutet das: eine Schule, die darauf wartet, geformt zu werden.

Die Gänge sind noch halb leer, die Whiteboards unbeschriftet, die Wände frisch gestrichen. Und doch ist die Stimmung nicht kühl, sondern aufgeregt, erwartungsvoll und neugierig. Was sich in diesen ersten Wochen am meisten entwickelt, sind nicht Vokabeln und Formeln, sondern die Menschen untereinander. In den Pausen wird das höfliche Nicken zum erfreuten Gruss, der Gruss zum Gespräch, das Gespräch irgendwann zum Lachen über etwas, das man nur versteht, wenn man dabei war. Schnell lernen sich alle untereinander kennen.

Auch im Teamraum wird es mit der Zeit familiärer. Eine bunte Runde aus erfahrenen Lehrpersonen neben solchen, die frisch aus der Ausbildung kommen, hat sich hier zusammengefunden. Kein Zufall, sondern eine bewusste Entscheidung von Urs Bamert. Er wollte beides im Raum haben: den ruhigen Blick und den frischen Wind.

Und er sollte recht behalten. Das Gemeinschaftsgefühl ist stark, nicht weil alle immer einer Meinung sind, sondern gerade weil sie es nicht sind. Es gibt Diskussionen, aber am Ende findet sich stets ein Weg, den alle mitgehen können, schliesslich streitet man nicht gegeneinander, sondern miteinander – für dieselbe Schule. Und so ziehen alle an einem Strang, auch wenn sie ihn manchmal unterschiedlich fassen. Was bleibt, ist der gemeinsame Wille, etwas aufzubauen und aufblühen zu lassen.

Am Ende des ersten Jahres sind alle so zusammengewachsen, dass es nicht nur eine weitere Schule, sondern eine Gemeinschaft ist.

Kapitel 2: Im Weinkeller, wo der Wein Charakter bekommt

Aus fünf Klassen werden neun und danach geht der Überblick langsam verloren. Die Gänge werden voller mit neuen Gesichtern und Stimmen, die man nicht mehr alle kennt. In den Pausen wird es lauter, die Mensaschlange verdoppelt sich und es wird ein Extra-Bus zum Moosacher veranlasst. Die Schule wächst sowohl bei den Schülerinnen und Schülern als auch bei den Lehrpersonen fast exponentiell.

Die Geschichte der KZI schreibt sich langsam und Jahr für Jahr etablieren sich neue Traditionen: Der Samichlausbesuch der Erstklässler, die Nachtwanderung, die Fokuswochen, die Sporttage, die kleinen Konzerte der Musikschülerinnen und Musikschüler, die Exkursionen nach Augusta Raurica, der Besuch auf der Burg, der Knobeladventskalender, der letzte Schultag. Den Weg hierfür ebneten unweigerlich die Schülerinnen und Schüler des Gründungsjahrgangs: Sie waren die Ersten und damit auch die «Versuchskaninchen» der Schule.

Nach dreijährigem Hegen und Pflegen der KZI beschliesst Urs Bamert, den Schlüssel wieder abzugeben und seiner Kreation unter der Führung von Alexandra Siegrist ihren Lauf zu lassen. Er verabschiedet sich in die wohlverdiente Pension und widmet sich neuen Projekten, wie beispielsweise dem Alphornspielen und geführten Touren durch die Photovoltaik-Grossanlage in Sedrun. Wer den ehemaligen Rektor trotz seiner Pensionierung noch einmal im Schulhaus antreffen möchte, hat jeweils im Dezember gute Chancen.

Kapitel 3: Zeit, die Flasche zu öffnen

Langsam erkennt man als Gründungsjahrgängerin fast niemanden mehr auf den Gängen. Mehr unbekannte Gesichter als bekannte. Ein Zusammenhalt bleibt, aber er reicht nicht mehr über alle Stufen hinweg. Die Schule ist zu gross geworden für die Vertrautheit der ersten Jahre, die einst alle umfasste. Es ist der Preis des Wachstums.

Doch Wachstum bedeutet nicht nur Verlust. Wo früher beinahe jeder jeden kannte, gibt es heute mehr Menschen, mehr Interessen und damit auch mehr Möglichkeiten. Projekte können entstehen, die in einer Schule mit fünf Klassen kaum denkbar gewesen wären. Schülerinnen und Schüler engagieren sich und prägen ihre Schule auf ihre eigene Art. Gleichzeitig muss nicht mehr alles zum ersten Mal herausgefunden werden. Abläufe haben sich eingespielt, Traditionen etabliert und Strukturen gefestigt. Die KZI braucht ihre Gründungsgeneration immer weniger, um zu wissen, wer sie ist. Die Schule wird selbstständig und deshalb darf der Gründungsjahrgang langsam gehen.

Die Schule wird langsam erwachsen.

Im Sommer 2024 wird das Gebäude am Moosacher als zweites Schulhaus übernommen, weil das alte Provisorium aus allen Nähten platzt. An der Seestrasse hat derweil der Bau begonnen: das endgültige Zuhause der KZI. Sie wird dort ihren fertigen, festen Platz finden.

Und dann ist da noch der Gründungsjahrgang. Die, die noch wussten, wie die frisch gestrichenen Wände rochen und wie es sich anfühlte, durch ein leeres Schulhaus zu rennen und Fangis zu spielen. Nach sechs Jahren ist ihre Zeit gekommen. Es ist Zeit, sich zu verabschieden. Verabschieden von der Schule und den Menschen, die sie sechs Jahre begleitet haben, und somit auch von einem kleinen Stück Kindheit. Vor sechs Jahren steckte Urs Bamert den Schlüssel ins Schloss und öffnete eine neue Schule. Sechs Jahre später verlassen ihre ersten Schülerinnen und Schüler sie zum letzten Mal.

Weiterlesen