Erinnerungen machen Schule
Als Kind war ich fasziniert von einer Banknote, die ich kaum je zu sehen bekam, was sie noch geheimnisvoller machte: Auf der braunen 500-Franken-Note war ein grosser Brunnen abgebildet. Links stiegen uralte, tattrige Menschen hinein; rechts kamen sie jung und schön wieder heraus. Um die Füsse der verzweifelten Alten – ausschliesslich Frauen! – lag trockenes Laub; die Jungen hingegen traten schwungvoll und graziös auf eine frühlingshafte Blumenwiese, auf der zwei Hasen herumhoppelten. Der Brunnen war ein Jungbrunnen, der die Gebresten des Alters beseitigte und mit dem Versprechen ewiger Jugend lockte. Der alte Traum der Menschheit, verkörpert am Beispiel einer weiblichen Allegorie.
Schaut man sich in der englischen Literatur um, scheint es um die Aussicht auf ewige Jugend nicht rosig bestellt. Die «zweite Kindheit», die Shakespeares Jaques für die Alten in seiner Theatermetapher der menschlichen Lebensalter als Schlussszene in Aussicht stellt, ist reine Regression und nichts, was sich irgendjemand herbeiwünschte. Da sind nur noch Demenz und Entbehrung:
Last scene of all,
That ends this strange eventful history,
Is second childishness and mere oblivion,
Sans teeth, sans eyes, sans taste, sans everything.
(As You Like It)
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Noch erbarmungsloser ist das Bild, das der Zyniker Jonathan Swift in Gullivers Reisen malt: Den Struldbruggs wird zwar ewiges Leben gewährt, nicht aber ewige Jugend, und so fristen sie ein groteskes Dasein des endlosen Zerfalls. Nicht nur altern sie körperlich ungebremst, auch um ihre Altersweisheit ist es schlecht bestellt. Sie sind einfältig, griesgrämig, missgünstig und trotz ihrer schwindenden Kräfte immer noch lüstern. Ist das die Longevity, die heute überall angepriesen wird und nach der alle zu lechzen scheinen? Swifts verstörendes Tableau mahnt, dass es im Leben eher auf die Qualität denn auf die Quantität ankommt und dass wir irgendwann wohl besser das Feld räumen sollten.
Als eine der Ältesten in einem überdurchschnittlich jugendlichen Umfeld muss ich mich bezüglich des Fokus-Themas fragen, wie da mitzuhalten ist: Unsere Schule ist jetzt «erwachsen», aber immer noch jung; in unserem Lehrkörper sind 40-Jährige schon etwas in die Jahre gekommen; unsere Schülerinnen und Schüler wollen zwar alle erwachsen sein, empfinden aber bereits 35-Jährige als ältlich. Mit 35 Jahren befand sich Dante in einer – immerhin sehr produktiven – Midlife-Crisis und schrieb als Folge davon die Divina Commedia. Wann ist man eigentlich «erwachsen» und was geschieht danach? Soll man immer versuchen, jung und am Ball zu bleiben?
Am Ball bleiben schon: Dazu fordert einen der Lehrerinnenberuf tagtäglich in vielerlei Hinsicht heraus, nicht zuletzt technologisch (Wie geht jetzt das schon wieder?), sprachlich (Was sagen die da?) oder kulturell (Wer ist gerade angesagt? Noch nie gehört!). Mit zunehmendem Alter hat man die Tendenz abzuhängen, nostalgisch zu werden und nur das Altvertraute gelten zu lassen. Gleichzeitig läuft man Gefahr, das Leben als abgeschmackt zu empfinden, weil neue Reize fehlen. Die Bälle, die einem die Jungen zuspielen, halten einen auf Trab und laden dazu ein, auch am Neuen Anteil zu nehmen.
Doch das Alter beschert einem auch eine willkommene Narrenfreiheit. Mit etwas mehr Lebenserfahrung nimmt man nicht mehr alles gar so ernst und findet Dinge weniger peinlich. Peinlich sein – das ist der Schrecken der Jugend. Eltern sind peinlich, Lehrpersonen sind peinlich (von einer Maturandin habe ich kürzlich gehört, dass der Beruf dies ja schliesslich mit sich bringe: grossartig!), und die Jungen empfinden sich oft auch selbst als peinlich. Mir hingegen setzt die «Pein» je länger, je weniger zu.
Meine Narrenkappe gibt mir Freiheiten: Sie erlaubt mir, vor einer Klasse in die verschiedensten Rollen zu schlüpfen und den sprichwörtlichen Elefanten im Raum offen anzusprechen, zuweilen unter dem verlegenen Gekicher der Schülerschaft. Ungemein befreiend und, wie mir scheint, in unserer zunehmend befangenen Zeit unziemlich wichtig. Zwar haben Hemmungen (wie uns Mani Matter lehrt) durchaus ihren zivilisatorischen Sinn und man wünschte sich bei gewissen Politikern mehr davon, aber im Alltag kann der Sinn für das Peinliche auch unnötig behindern.
Das Alter hat also auch seine guten Seiten. Gleichzeitig hat der Umgang mit Jugendlichen etwas Ansteckendes, überaus Einnehmendes und wirkt auf mich oft wie ein echter Jungbrunnen, mindestens gedanklich: Statt mich von den Generationen Y, Z und neuerdings Alpha zu entfremden, gibt er mir Zugang zu ihren Werten, ihren Hoffnungen, Wünschen, Bedenken und Ängsten und macht diese für mich nachvollziehbar. Der Austausch zeigt, dass sich die Denkweisen tatsächlich verändern, dass Common Sense und die Möglichkeit, zwischen verschiedenen Gesellschaftsgruppen und Generationen zu kommunizieren, nicht einfach gegeben sind, sondern dass man sich dafür einsetzen muss und dass sich der Aufwand lohnt. Dies gilt im Übrigen durchaus in beide Richtungen.
Der Austausch mit Jugendlichen weckt die Freude am Jetzt. Dafür braucht man nicht selbst wieder jung zu sein, sondern kann sich an der Jugend der anderen freuen. Jetzt sind sie dran. Was gibt es Hoffnungsvolleres, Einnehmenderes und Bestärkenderes, als an der Maturitätsfeier 2026 in 90 frisch gereifte, zuversichtliche und neugierige Gesichter zu blicken und zu denken: Das kommt gut!
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